1997

Sprachkörper und visuelle Identität

Dr. Sabine Gebhardt Fink in: NONCHALANCE, Centre PasquArt Biel 1997


Auf einem dem Abbruch geweihten Hinterhofgebäude des Centre PasquART installiert Heinrich Lüber ein Metallrohr. Zwei Stockwerke hoch und vier Meter über dem Dach schwebt er in rotem Anzug; die Horizontlinie durchbrechend. Bäume strecken ihre Kronen in den Himmel und die Absteckstangen des projektierten Neubaus ragen auf wie Koordinaten in einem Gitternetz.
Das "Netz" der Kunst der Moderne als Repetition, als public domain, als Ursprung, jenseits dessen es kein Modell, keinen Referenten und keinen Text gibt, wird als Konstrukt entziffert. Das Gitternetz der Moderne wird lesbar als Repräsentation bestimmter Ideen. Es werden Leerstellen im Netz inszeniert, indem es mit dem in der Pose festgehaltenen Körper konfrontiert wird. Die vermessenen, zukünftigen Räume transformiert Heinrich Lüber in einen räumlichen Plan, der keiner Ausführung mehr bedarf und der sich selbst genügt. 
Der Körper des Künstlers ist als vorobjektiver Grund von Erfahrung eingesetzt - ein Vorgehen, das wesentlich ist für Lübers gesamtes Arbeiten. Jedoch tritt "Körper" nicht als visuelle Figur im Sinne eines abstrakten Subjektes auf, wie dies in Richard Serras "shift" der Fall war, sondern Körper wird als Bild, Image festgeschrieben. Dadurch erhält jede Arbeit Lübers einen bestimmten Zeitwert, ihren eigenen Ablauf und ihre eigene Vergänglichkeit. 
Der innere Horizont von Lübers Bieler Arbeit entsteht aus einer Doppelansichtigkeit. Und zwar sind dies der Gesichtspunkt des Akteurs und derjenige der Zuschauer. Für die Zuschauer im Hof ist jedoch wiederum nur ein Teil der Arbeit erkennbar. Die Wortketten die Lüber in das Rohr hinein spricht, sind nur für diejenigen zugänglich, die sich im Inneren des Gebäudes aufhalten. Die ansonsten undurchlässige Haut des Gebäudes wird durchdrungen von Sprache, das äussere Bild vervollständigt sich. Oppositionen wie Innen-Aussen, Hörbares-Sichtbares werden in eine Beziehung gesetzt, die sich klassischen Binaritäten entzieht. Ebenso nehmen Plan-Konkretion und Körper-Gebäude eine bildhafte Beziehung zueinander auf. Schnittstelle ist die Rolle des Performers, welcher eine persönliche Geschichte und deren Einmaligkeit eingeschrieben ist wie der Schauspieler seiner Rolle. 
Die doppelte Realität von Sprache, in die jeder Sprechende seine Worte entlässt, bilden ebenfalls einen inneren Horizont der Arbeit. Als gehörte Worte, die von den Zuhörern in einen eigenen Weltbezug gebracht und mit Assoziationen gefüllt werden. Als Gesprochenes, das in der Verkettung von Worten die eigentliche plastische Qualität des Sprechens herausstreicht. Die Artikulation ist nach aussen verlängert. In einem Verfahren, das die eigentliche Funktion des Signifikanten als Metonymie mit der Metapher verbindet. Damit zählt die Arbeit im Centre PasquART zu einer Reihe von Performances Heinrich Lübers, die sich mit der "plastischen Eigenschaft" von Sprache befassen; so "DOWNLOAD" (1996), "GUIDE LANGUE"(1995) oder "BAMBINI CODE" (1994). 
Kennzeichen all dieser Aktionen ist, dass Sprechen darin zugleich an die Auflösung und an den Ursprung von Bedeuten herangeht. Indem Möglichkeiten analog zu nicht-sprachlichem Verständigen generiert werden. Körperliche Präsenz des Performers ist dabei weniger Garant authentischen Erlebens, wie dies in den 70er Jahren üblich war, als vielmehr Zeichen. Sie ist Projektionsfläche, screen für soziale und kulturelle Festschreibungen und innere Bilder. Denn " nicht nur die Oberfläche des Ich ist eine spiegelnde Projektion, sondern auch das menschliche Gehirn funktioniert wie ein Ort, an welchem Bilder verdichtet werden", laut Lacan. Visuelle Identität spaltet sich auf durch Überblendungen von persönlichem Blick und kulturellem Sehen. Ein Gedanke, der in Lübers Arbeiten mit Körperprojektionen erstmals auftaucht; etwa in "BEUTELFORM" (1994) oder in "IN ECHT SEHEN SIE JA GANZ ANDERS AUS ALS IN WIRKLICHKEIT" (1995). 
Der Zusammenhang einzelner Arbeiten, über verschiedene Medien wie Aktion, Video, Film oder Installation hinweg, ist für Heinrich Lüber nicht nur Fortführung einer bildlichen Fragestellung über das Einzelwerk hinaus. Er bedeutet ausserdem die Aufhebung von Einansichtigkeit zugunsten einer Fülle möglicher Wahrheiten. Die durchaus theatralisch-ironisch vorgeführte Rolle des KünstlerAutors verliert dadurch ihre Verheissung des Wahrheitsgaranten. Die Zusammenarbeit mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern, etwa in "BOCCA DELLA VERITA"(1991) mit Stefan Dähler oder in "TRANSITOWN" (1992) mit Karin Roth, ist eine weitere Art der Fortschreibung eines Bildes.
Das Bild eines gegen den Abendhimmel anredenden, stehenden Mannes in rotem Anzug findet seine Spiegelung im Blick der Zuschauenden; leicht irritiert durch die untergehende Sonne.